Vincent

2. February 2006
vincent Joe Goebel, Vincent. Aus dem amerikanischen Englisch von Hans M. Herzog und Matthias Jendis. Diogenes 2005. 433 S., € (A) 20,50 ISBN 3 257 06485 3

Ein alter kranker Medientycoon, der mit seichter Unterhaltung ein Vermögen gemacht hat, will zuletzt der Nachwelt noch etwas Gutes tun und gründet eine Schule für Hochbegabte. Und da seiner Meinung nach Kunst nur durch Leiden entstehen kann, sorgen eigene Wächter für das Unglück ihrer Schützlinge. Um den sensiblen und hochbegabten siebenjährigen Vincent “kümmert” sich Harlan, ein gescheiterter Rockmusiker. Die Rechnung scheint aufzugehen, bis …

Mit dieser bissigen Satire und Anklage an die Massenkultur schreibt sich Joe Goebel seinen Frust über die nieveaulose Branche und das unkritische Konsumverhalten des Mainstreampublikums von der Seele. Der 25jährige Autor aus Kentucky, war selbst als Leadsänger mit seiner Band im Mittleren Westen unterwegs und weiss worüber er schreibt.

“Vincent” zählt unzweifelhaft zu den interessantesten Neuerscheinungen des Bücherherbstes 2005 und das behandelte Thema beschäftigt den irritierten Leser noch lange nach der Lektüre. In diesem Buch geht es um Manipulation und Ausbeutung zum Zwecke anderer, um Vermarktung und ums liebe Geld. Drei Fragen sind es, die sich mir grundsätzlich stellen:

  1. Was ist Kunst? Für mich ist das Schreiben von Popsongs, Drehbüchern und Fernsehserien eher gutes Handwerk. Da der Autor aber Amerikaner ist und das dort nicht so eng gesehen wird, sollte man das vielleicht auch nicht tun.
  2. Entsteht Kunst nur durch Leiden? Das möchte ich doch aufs Schärfste zurückweisen. Die Unglücklichen, die litten und große Kunst schufen, hätten das auch ohne Leid getan. Eine Liste derer, die davon nicht betroffen waren, läßt sich genauso aufstellen.
  3. Kann man Kunst, kann man einen Künstler machen? Ich sage: nein. Kunst muss sich entwickeln, ein Künstler wachsen können, wenn er wirklich großes hervorbringen will

Die vorgegebene gute Tat - so die Ausgangssituation des Buches - ist in Wirklichkeit nur eine geschönte weitere Einnahmequelle des oder der Mächtigen, die das Sagen haben.

Wie sich aus den bereits stattgefundenen Diskussionen zum Buch ergeben hat, ist der Protagonist Vincent selbst blutleer geblieben, eher eine Kunstfigur während die Personage rund um ihn wesentlich charaktervoller gezeichnet ist, Allen voran Harlan Eiffler, Icherzähler und Verantwortlicher für das Leiden Vincents, sowie auch Tröster in der Not. Weiters wurde vorgebracht, dass der Autor eine sehr klischeehafte Einstellung zu Frauen hat. Einzig Veronica, die Hure ist lebendig und herrlich durchkomponiert. Ihr gegenüber Monica, die Intellektuelle, die, die wirklich auf der Strecke bleibt.

Und was ist eure Meinung? Wie seht ihr das? Wir sind gespannt auf eure Statements.

Wie man richtig küsst

10. January 2006
Holly-Jane Rahlens, Wie man richtig küßt. Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Ludwig,
Beltz & Gelberg 2005. 293 S.,
ISBN 3-407-80956-5

“Rebella ist 15, befindet sich mitten in der Hölle der Hormone und muss drei Wochen mit ihrer Mutter verreisen! Im Koffer hat sie einen Sex-Ratgeber, im Kopf ihre Träume und im Herzen einen tiefen Schmerz.” So der Rückentext.

Eines der ersten Bücher, die in den Buchdiskussionen 2005/2006 besprochen wurden, war “Wie man richtig küsst” von Holly-Jane Rahlens. Diejenigen, die bereits ihren ersten Roman “Prinz William, Maximilian Minsky und ich” kennen, waren sehr gespannt darauf. Sowohl der Titel wie auch das Cover wurden sehr kontrovers aufgenommen. Die Meinungen der Leserinnen zum Buch selbst rangieren von großer Begeisterung, über ziemlich langweilig bis total genervt. Es gab zum Teil stürmische Diskussionen, je nach dem wie nahe dran oder wie distanziert die Diskutierenden zur Hauptperson standen.

Hier einige Kommentare aus den Altersgruppen 13/14 und 15-18 Jahre

Zum Buch:

Das Buch ist super, die erste Seite genial, es ist gut, dass es nicht darum geht, wie man richtig küsst. - Toll, ich bin vernarrt in das Buch, das Einzige, was mich stört ist das Foto, das vor dem Unfall gamacht wurde, das ist nicht klar. - “Maximilian” war besser, hat mehr Tiefgang gehabt. - Fein, dass Nelly und Max vom 1. Buch drinnen sind. - Eigentlich ist das Buch gut aber unrealistisch. - Ur-Teeni-Roman mit poetischen Einschüben. - Am Anfang hat es mir schon gefallen, es ist urlustig, aber dann zieht es sich. - Das ganze ist so fad, ich kriege das täglich in der Schule zu hören. - Ich dachte, das ist total übertrieben?! - Ist es auch, das schlimme ist nur, dass ich genau solche Leute kenne. - Ich auch, in meiner neuen Klasse gibt es einige.

Zum Schluss:

Das Ende wäre besser gewesen, wenn am Bahnhof Schluss gewesen wäre. - Das Ende hat mir nicht so gefallen, aber beim zweiten Mal lesen ist es o.k. - Der Schluß ist nicht so schön, wenn auch realitätsnah, aber traurig

Zu den Charakteren:

So eine gestörte, eingebildete, oberflächliche Tussi, die Renée Bella Brody. - Sie hat nur in ihren Gedanken gelebt. - Es gibt eine Wandlung, zum Schluss aber wieder gleich. - Klischeehaft. So peinlich. Tierisch genervt. - Gut beschrieben, was für sie das Schwimmen bedeutet. Wenn ich so eine Tochter hätte, ich würde durchdrehen. - Und so eine neugierige Mutter, urschlimm, dass Renée Angst haben muss, dass ihre Mutter über alles schreibt “… ich sehe schon die nächste Überschrift…”

Zur Sprache:

Cool. - O.k. - Der Satz “end of story” ist ziemlich nervig, es ist klar, dass das der letzte Satz sein wird.

Zum Humor:

So lustig, wie sie sich das Piercing machen läßt. - Herrlich komisch die Idee mit der LipLuv (Lippenvergrößerungscreme). - Oder die Stelle, wo sie den Ausschlag und den Juckreiz von der Enthaarungscreme bekommt!!!

Zum Cover:

Ganz gut. - Ich mag es so gerne. - Sieht aus wie Werbung aus den 60er Jahren. - Wie Haribo Früchte. - Urgeil.