Vincent

vincent Joe Goebel, Vincent. Aus dem amerikanischen Englisch von Hans M. Herzog und Matthias Jendis. Diogenes 2005. 433 S., € (A) 20,50 ISBN 3 257 06485 3

Ein alter kranker Medientycoon, der mit seichter Unterhaltung ein Vermögen gemacht hat, will zuletzt der Nachwelt noch etwas Gutes tun und gründet eine Schule für Hochbegabte. Und da seiner Meinung nach Kunst nur durch Leiden entstehen kann, sorgen eigene Wächter für das Unglück ihrer Schützlinge. Um den sensiblen und hochbegabten siebenjährigen Vincent “kümmert” sich Harlan, ein gescheiterter Rockmusiker. Die Rechnung scheint aufzugehen, bis …

Mit dieser bissigen Satire und Anklage an die Massenkultur schreibt sich Joe Goebel seinen Frust über die nieveaulose Branche und das unkritische Konsumverhalten des Mainstreampublikums von der Seele. Der 25jährige Autor aus Kentucky, war selbst als Leadsänger mit seiner Band im Mittleren Westen unterwegs und weiss worüber er schreibt.

“Vincent” zählt unzweifelhaft zu den interessantesten Neuerscheinungen des Bücherherbstes 2005 und das behandelte Thema beschäftigt den irritierten Leser noch lange nach der Lektüre. In diesem Buch geht es um Manipulation und Ausbeutung zum Zwecke anderer, um Vermarktung und ums liebe Geld. Drei Fragen sind es, die sich mir grundsätzlich stellen:

  1. Was ist Kunst? Für mich ist das Schreiben von Popsongs, Drehbüchern und Fernsehserien eher gutes Handwerk. Da der Autor aber Amerikaner ist und das dort nicht so eng gesehen wird, sollte man das vielleicht auch nicht tun.
  2. Entsteht Kunst nur durch Leiden? Das möchte ich doch aufs Schärfste zurückweisen. Die Unglücklichen, die litten und große Kunst schufen, hätten das auch ohne Leid getan. Eine Liste derer, die davon nicht betroffen waren, läßt sich genauso aufstellen.
  3. Kann man Kunst, kann man einen Künstler machen? Ich sage: nein. Kunst muss sich entwickeln, ein Künstler wachsen können, wenn er wirklich großes hervorbringen will

Die vorgegebene gute Tat - so die Ausgangssituation des Buches - ist in Wirklichkeit nur eine geschönte weitere Einnahmequelle des oder der Mächtigen, die das Sagen haben.

Wie sich aus den bereits stattgefundenen Diskussionen zum Buch ergeben hat, ist der Protagonist Vincent selbst blutleer geblieben, eher eine Kunstfigur während die Personage rund um ihn wesentlich charaktervoller gezeichnet ist, Allen voran Harlan Eiffler, Icherzähler und Verantwortlicher für das Leiden Vincents, sowie auch Tröster in der Not. Weiters wurde vorgebracht, dass der Autor eine sehr klischeehafte Einstellung zu Frauen hat. Einzig Veronica, die Hure ist lebendig und herrlich durchkomponiert. Ihr gegenüber Monica, die Intellektuelle, die, die wirklich auf der Strecke bleibt.

Und was ist eure Meinung? Wie seht ihr das? Wir sind gespannt auf eure Statements.

6 Antworten auf “Vincent”

  1. Teresa sagt:

    Mir hat “Vincent” insgesamt sehr gut gefallen, weil die Idee an sich sehr originell ist. Natürlich wäre es in der Realität nicht sehr sinnvoll, eine Hochbegabtenschule zu gründen, um angeblich die Unterhaltung zu verbessern. Aber ich glaube, in diesem Buch geht es ja unter anderem darum, die schlechte Mainstream-Unterhaltung mal durch den Kakao zu ziehen (zumindest hab ich das manchmal so empfunden).
    Ich stimme trotzdem zu, dass man Kunst auf diese Art & Weise nicht machen kann, bzw. dass Leiden keine Garantie für gute Kunst ist.
    Die Charaktere haben mir jedenfalls alle sehr gut gefallen und ich finde auch nicht, dass Vincent oder Monica besonders blutleer sind. Harlan ist vielleicht vielseitiger beschrieben, aber Vincent sollte ja absichtlich in das Klischee des leidenden Künstlers passen, finde ich.

  2. Lena sagt:

    Ich finde es schwer zu ‘Vincent’ wirklich was zu sagen.
    Es hat mir während dem Lesen gefallen, es hat einen Sog entwickelt. Aber im Endeeffekt bleibt eine große Leere über.
    Mich schockiert es immer wieder einen Einblick in die Welt der Reichen und Berühmten zu bekommen und wie sich diese aufführen. Die Leere, die Dummheit, das Trostlose und das aus meinen Augen keine Ahnung vom Leben haben, sie haben das Wesentliche völlig aus den Augen verloren. Das ist furchtbar. Und dafür liebe ich das Ende, dass Vincent es schafft sich ein normales und doch auch glückliches Leben aufzubauen. Dass sich Harlan und er nicht wirklich aussöhnen, lässt das Ende doch sehr realistisch erscheinen, was vor allem nach dem schlechten ‘Mittelteil’ (ab dem Zeitpunkt, ab dem die drei fliehen) sehr angenehm ist. Dieser Teil ist nämlich meiner Meinung nach unrealistisch und auch völlig unbefriedigend.

    Von der Idee her fand ich das Buch sehr ansprechend, weil ich vieles im Mainstream entdecke, dass auch verbildend wirken kann und das ist eine schlimme Tatsache. Ich mag deshalb diese Stellen auch sehr gerne, in der Harlan durch die verschiedenen TV-Programme schaltet und nur schlechtes entdecken kann. In dem Bereich gäbe es so einiges zu sagen und auch umzugestalten und mit vielem, was der Autor da sagt, hat er auch recht.

    Und zuletzt noch zur Frage ‘was ist Kunst?’: Für mich fallen Drehbuch und (Pop-)Musik schreiben da schon hinein. Unter anderem auch deshalb, weil es mir einfach widerstrebt bei kreativem Output an sich eine Wertung vorzunehmen. Serienschreiben ist etwas anderes finde ich, weil ich das Gefühl habe, dabei geht es nur darum über einen möglichst langen Zeitraum möglichst viel Profit zu machen. Ich glaube, das ist überhaupt eine relevantere ‘Eintufung’ für mich - macht jemand Kunst, weil er damit irgendein Ziel verfolgt oder weil es ihm ein authentisches, inneres Bedürfnis ist? Es ist mir schon klar, dass man das nicht immer ganz genau trennen kann, aber man kann durchaus erkennen wo es um das Schaffen und das Produkt an sich geht und nicht um das Daneben.

  3. Nina sagt:

    Mir hat “Vincent” im Großen und Ganzen auch sehr gut gefallen. Angefangen von der sehr originellen Idee und der Art und Weise wie Goebel die heutige Musik- und Filmindustrie veräppelt. Ich fand das Buch sehr sarkastisch, aber doch manchmal mitfühlend und traurig.
    Was mir auch sehr gut gefallen hat, war, dass man wirklich gesehen hat, dass der Autor sehr kreativ ist. Beispielsweise, als Harlan all die Freundinnen von Vincent verscheucht hat (Alkohol, geheime Nachricht von einem “unbekannten Verliebten” etc.).
    Ich bin auch der Meinung, dass es eigentlich unrealistisch ist, was die Schule für Begabte betriftf, aber dass es, wie erwähnt, nur darum geht, die Niveaulosigkeit der heutigen Film-und Musikindustrie aufzuzeigen.
    Auch finde ich die Idee toll, alle Personen so vorzustellen, indem man ihre Lieblingsband, Ihre Lieblingsserie und ihren Lieblingsfilm angibt. Denn das sagt wirklich einiges über einen Menschen aus - auch, wenn man das meiste nicht kennt, weil es sich um Insiderbands aus Amerika handelt, denke ich mal.

    Also mir hat das Buch wirklich gefallen, und ich kann es nur weiterempfehlen!

  4. Silke sagt:

    Zuerst einmal zu Lena:
    Ich habe eher keine Leere nach dem Lesen des Buches empfunden, sondern eine fatale Hilflosigkeit gegenüber dem Mainstream. Schließlich kann man sich kaum dagegen wehren, da man von allen Seiten mit qualitativ niedriger Unterhaltung “beschossen” wird. Werbung ist hierbei wohl eines der größten Übel, aber auch zum Beispiel ständige Musikberieselung in Kaufhäusern. Als Privatperson kann man da nur sagen, dass man am Abend den Fernseher nicht einschaltet und stattdessen ein gutes Buch liest. (wie z.B Vincent)

    Mainstream - ein großes Problem, wie ich denke. Laut einigen Berichten, die ich gelesen habe, gibt es so viele Menschen mit Uni-Abschluss wie noch nie. Selbstverständlich ist dies eine reine Anpassung an den Arbeitsmarkt, doch sollte man nun nicht auch schlussfolgern können, dass die breite Masse gebildeter ist? Außerdem können doch seit Maria Theresia die meisten Menschen lesen und schreiben (auch wenn PISA was anderes sagt…). Daher sollte, rein theoretisch, auch die Unterhaltung für all diese offensichtlich gebildeten Menschen qualitativ hochwertig sein. Nun zeigt “Vincent” jedoch eindeutig, dass dem nicht so ist. Warum? Dieses Warum hat mich wohl am meisten nach der Lektüre dieses Buches beschäftigt.
    Es scheint einen Grund zu geben, warum Menschen lieber einem 50Cent (mein Lieblingsbeispiel für schlechte Musik. Er singt Pseudo-HipHop über Frauen und Sex und sein bestes Lied: “Candy Shop” - zeigt im Video zum Lied Frauen, die in Schokolade baden. Das ist meine eigene persönliche Meinung und ich hoffe, dass sich keine 50Cent-Fans beleidigt fühlen) zuhören anstatt Mozart, oder, um dem derzeitigen Mozartjahr (guter, kultureller Mainstream?) zu entfliehen: Vivaldi, Beethoven etc.

    Um mich kurz zu fassen: Ich habe keine Erklärung dafür, außer jene, dass 50Cent einfacher ist. Man muss keine Energie verschwenden um sich zu konzentrieren, was einige Menschen nach einem langen Arbeitstag vielleicht anstreben. Verstehe ich, sie wollen abends nur noch Unterhaltung. Doch man kann auch intelligent unterhalten, es muss nicht immer SOKO Kitzbühl sein. Aber genug aufgeregt, sonst komme ich hier nicht zum Ende.

    1.) Was ist Kunst? - Drehbücher sind für mich sehr wohl Kunst, doch auch die Umsetzung eines solchen. Es gibt viele “gute” Filme, die zum Nachdenken anregen oder einfach wirklich gute Unterhaltung sind. Doch ich pflichte Lena bei, dass es auf die Absicht des Autors/Sängers ankommt. Doch leider wird man heutzutage dazu verpflichtet zu schreiben, was der Masse gefällt, ansonsten kann man nicht überleben. Der Mensch hat Ausgaben, die er decken muss, außer er erbt oder gewinnt im Lotto.

    2.) Entsteht Kunst nur durch Leiden? - Diese Frage haben wir (im Litertaurhaus) ausführlich diskutiert und ich stimme Mirjam zu, Leiden ist für Kunst nicht notwendig. Jedoch verstehe ich wie Joey Goebel zu diesem Schluss kommt. Ich denke, dass seelisches Leiden Kunst durchaus fördern kann, aber Unglück ist keine Bedingung für Kunst.

    3.) Kann man Kunst machen? - Nein. Doch man kann Künstler von außen positiv beeinflussen, dessen bin ich mir sicher. Viele Menschen haben wahrscheinlich die Anlage “Künstler” zu werden, doch äußere Umstände und Erlebnisse verhindern dies.

    Fazit: Es handelt sich um ein Buch, das einem vielleicht ein wenig die Augen öffnet, wie sehr die Welt der Unterhaltung von einigen wenigen Leuten mit viel Geld kontolliert und beeinflusst wird. Doch sind wir ehrlich: das wussten wir eigentlich schon immer, vielleicht wollten wir es nur nicht glauben.
    Ich war wirklich begeistert und habe seit heute “Vincent” in meinem Regal stehen. Meiner Meinung nach ist es durchaus ein Buch zum Öfters-Lesen, da man ständig neue Aspekte und die oft beißende Ironie des Autors entdeckt.
    Ein Buch, das wirklich gute Unterhaltung bietet. Was will man mehr?!

  5. Kristina sagt:

    „Vincent” ist ein Buch, das meine Meinung über die heutige Musikindustrie haargenau widerspiegelt. Musik von Heute ist nämlich zum größten Teil das Niveauloseste, was je in der Menschheitsgeschichte produziert wurde. Ich sehe den Roman von Goebel als eine Art „Hilferuf“ an, der den Menschen die Augen öffnen soll. Das Schlimme ist ja, die meisten Leute können Kunst von Schrott gar nicht mehr unterscheiden. Oft höre ich Menschen egal zu welchem undefinierbaren Ding, Kunst, sagen. Doch man darf nicht vergessen, dass Kunst definierbar ist.
    Ich teile aber nicht die Idee von Goebel in „Vincent“, dass man erst dann ein Künstler sein kann, wenn man leidet. Entweder trägt man Kunst in sich oder man hat das Potenzial ganz einfach nicht.

    Als ich „Vincent“ im Literaturhaus, im Bücherregal (für die Buchdiskussionen mit Mirjam Morad), gesehen habe, wollte ich es unbedingt lesen, weil mich auf irgendeine Art und Weise das Cover verzaubert hat. Als ich es dann endlich bei mir zu Hause zum Lesen aufschlug war ich nicht enttäuscht. Der Schreibstil ist eher locker und voller schwarzem Humor. Ein Roman, der mir von der ersten bis zur letzten Seite vollkommen gefallen hat.

  6. Teresa sagt:

    Ich stimme auch zu, dass die Mainstream-Unterhaltung von heute echt schrecklich ist (obwohl es ja auch gute Sachen gibt, nur hören sich die wenigsten Leute das an) und es ist gut, dass dieses Thema einmal richtig angesprochen wird. Nirgendwo sonst wird die Frage nach dem Unterschied zwischen Kunst und Unterhaltung, ob Kunst aus Leiden erwächst und ob man den Mainstream verbessern kann wirklich gestellt. Und noch dazu auf so eine einprägsame und ungewöhnliche Weise wie in Vincent, denn gerade durch diesen schwarzen Humor und die völlig übersteigerte Handlung wird man erst richtig zum Lachen und zum Nachdenken gebracht.

    Natürlich ist die Grundidee, eine Hochbegabtenschule zu gründen, wo leidende Künstler produziert werden, absurd, aber am Ende wird das im Buch ja auch klargestellt. Vincent erfährt ja, was mit ihm gemacht wurde, und bringt genau die gleichen Gründe wie wir alle, warum es so nicht geht: Kunst ist nicht Unterhaltung und muss organisch wachsen, man kann sie nicht produzieren und so weiter.

    Ich finde übrigens auch, dass das Schreiben von Popsongs und Drehbüchern für Filme Kunst sein kann, nur gibt es eben viele Beispiele, wo einfach irgendwer das zusammengesetzt hat, was der Masse gefällt. Trotzdem kann ein Popsong oder ein Film auch Kunst sein, wenn ein wirklich begabter und intelligenter Künstler ihn aus sich und nicht für den Publikumsgeschmack geschrieben hat.

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